Ratgeber
Wetterfühligkeit und Migräne: was am Zusammenhang mit dem Luftdruck dran ist
Kurz gesagt
Wetterfühligkeit ist weit verbreitet: In einer repräsentativen Umfrage von 2013 gab die Hälfte der Befragten in Deutschland an, das Wetter habe viel oder zumindest etwas Einfluss auf ihre Gesundheit, und Kopfschmerzen und Migräne waren die häufigsten Beschwerden. Ob Luftdruckänderungen tatsächlich mit Migräneattacken zusammenhängen, ist dagegen nicht für alle gleich. Studien aus Berlin fanden eine deutliche Wetterfühligkeit nur bei einem Teil der Patientinnen und Patienten, eine Wiener Tagebuchstudie insgesamt kaum einen Effekt. Am meisten erfahren Sie über sich selbst, wenn Sie mindestens acht Wochen lang einen Kopfschmerzkalender führen und ihn mit dem Luftdruck an Ihrem Wohnort vergleichen.
Was Wetterfühligkeit bedeutet
Der Körper muss ständig auf das Wetter reagieren. Damit die Organe gut arbeiten, hält er zum Beispiel die Kerntemperatur bei etwa 37 °C und regelt dafür über das vegetative Nervensystem nach, was sich wiederum auf den Hormonhaushalt auswirkt. Ob diese Anpassung unbemerkt bleibt oder als Beeinträchtigung des Befindens spürbar wird, hängt nach Darstellung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) von zwei Dingen ab: von der individuellen Anpassungsfähigkeit und von Art und Stärke des Wettereinflusses, etwa wie kräftig ein Wetterumschwung ausfällt.
Der DWD formuliert dabei eine wichtige Einschränkung: Wetterwechsel machen nicht krank. Problematisch kann es aber werden, wenn eine Erkrankung die Regulationsfähigkeit einschränkt oder die Regulation ohnehin von der Norm abweicht, zum Beispiel bei zu niedrigem oder zu hohem Blutdruck.
Wie viele Menschen sich betroffen fühlen, zeigt eine Studie, die der DWD im Auftrag des Umweltbundesamtes durchgeführt hat. Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte 2013 eine repräsentative Stichprobe von 1.623 Bundesbürgern. Die Hälfte meinte, das Wetter habe viel oder zumindest etwas Einfluss auf ihre Gesundheit. Unter diesen Wetterfühligen waren die häufigsten Beschwerden:
- Kopfschmerzen und Migräne: 59 %
- Müdigkeit: 55 %
- Abgeschlagenheit: 49 %
- Gelenkschmerzen: 42 %
- Schlafstörungen: 40 %
29 % der Wetterfühligen waren im Jahr vor der Befragung mindestens einmal nicht in der Lage, ihrer normalen Tätigkeit nachzugehen. Eine ähnliche Umfrage gab es bereits 2001; die Ergebnisse waren sehr ähnlich, der Anteil der Wetterfühligen hatte 2013 tendenziell etwas abgenommen.
Wann das Wetter den Körper besonders fordert
Meteorologen sprechen von der Biotropie des Wetters: der gemeinsamen Wirkung aller Wetterelemente auf den Organismus. Vor allem kurzfristige Änderungen verlangen dem Körper Anpassung ab. Laut DWD ist das besonders ausgeprägt bei markanten Wetteränderungen, also im Übergang zwischen einem abziehenden Hochdruckgebiet und einem herannahenden Tief, beim Durchzug von Warm- und Kaltfronten und auf der Rückseite eines abziehenden Tiefs. Dann ändern sich Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind, Bewölkung, Licht – und der Luftdruck – gleichzeitig.
Der Luftdruck ist also selten allein im Spiel. Das macht ihn zwar zu einem guten, leicht messbaren Anzeiger für einen Wetterumschwung, erschwert aber die Frage, welcher Teil des Wetters bei einem Menschen eigentlich zu Beschwerden passt. Am wenigsten belastend ist laut den vom DWD zusammengefassten Studien der Bereich eines Hochdruckzentrums, sofern keine thermische Belastung oder Luftverschmutzung hinzukommt.
Der DWD veröffentlicht täglich Gefahrenindizes für Wetterfühlige. Diese beschreiben allerdings, wie eine Gruppe von Betroffenen im Mittel reagiert. Ein einzelner Mensch kann ganz anders reagieren als die Gruppe, für die eine solche Statistik gilt.
Was Studien zu Luftdruck und Migräne zeigen
Drei Untersuchungen aus Berlin und Wien sind für den deutschsprachigen Raum besonders aufschlussreich:
- Berlin, 2011: Hoffmann und Kollegen werteten die Kopfschmerztagebücher von 20 Menschen mit Migräne über zwölf Monate aus und verglichen sie in Vier-Stunden-Abschnitten mit Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Bei sechs Patienten fand sich ein hochsignifikanter Zusammenhang zwischen Wetterdaten und dem Auftreten von Attacken. Beginn und hohe Schmerzstärke gingen dabei mit niedrigerer Temperatur und höherer Luftfeuchtigkeit einher. Die Attacken begannen am häufigsten gegen 4 Uhr morgens.
- Berlin, 2015: In einer größeren Folgestudie mit 100 Migränepatienten über zwölf Monate betrachtete dieselbe Arbeitsgruppe auch die Veränderung der Wetterwerte in den 24 Stunden vor einer Attacke. Bei einer Untergruppe zeigte sich eine deutliche Wetterfühligkeit. Wurden alle Teilnehmenden gemeinsam ausgewertet, ergab sich dagegen kein signifikanter Zusammenhang. Ob bei einem einzelnen Menschen eine Attacke bevorstand, ließ sich aus den Wetterdaten nicht ablesen, vor allem weil Attacken im Verhältnis zu allen Messzeitpunkten selten waren.
- Wien, 2011: Zebenholzer und Kollegen begleiteten 238 Menschen mit Migräne, die im Umkreis von 25 km um die Wiener Wetterstation lebten, 90 Tage lang mit einem Tagebuch und prüften 11 Wetterwerte und 17 Wetterlagen. Zunächst schienen ein Hochdruckrücken, schwacher Wind und wechselnde Sonnenscheindauer mit mehr Kopfschmerzen oder Migräne verbunden. Nach der statistischen Korrektur für die vielen gleichzeitig geprüften Faktoren blieb keiner dieser Effekte signifikant. Auch das subjektive Wetterempfinden der Teilnehmenden passte nicht zum tatsächlichen Auftreten der Kopfschmerzen.
Aus Japan kommen Studien, die eher einen Zusammenhang mit dem Luftdruck fanden. In Utsunomiya wurde Migräne bei 28 Patienten häufiger, wenn der Luftdruck vom Tag des Kopfschmerzes zum Folgetag um mehr als 5 hPa fiel; 18 der 28 brachten ihre Attacken selbst mit Wetterwechseln in Verbindung. In einer anderen Studie mit 34 Patienten lag der Luftdruck beim Beginn der Migräne meist zwischen 1003 und 1007 hPa, also 6 bis 10 hPa unter dem Standardwert von 1013 hPa, während ein Tief herannahte.
Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 fasst 14 Studien mit zusammen 2.696 Teilnehmenden zusammen: Mehrere fanden häufigere Migräne bei Druckabfällen oder raschen Schwankungen, weniger einen Zusammenhang mit der Stärke der Attacken und keine einen mit ihrer Dauer.
Warum die Ergebnisse so unterschiedlich ausfallen
Die Übersichtsarbeit von 2025 nennt mehrere Gründe. Die Studien maßen den Luftdruck sehr unterschiedlich: manche nur einmal am Tag um 6 Uhr oder mittags, andere stündlich, eine mit einem Sensor, den die Teilnehmenden bei sich trugen. Die Wetterstationen lagen 10 bis 50 km vom Wohnort entfernt. Fast alle Studien stützten sich auf selbst geführte Tagebücher, nur wenige nutzten eine standardisierte Skala für die Schmerzstärke, und andere Einflüsse wie Schlaf oder Hormone wurden selten herausgerechnet.
Der zweite Grund steckt in den Berliner Ergebnissen: Wenn nur ein Teil der Menschen auf das Wetter reagiert, verdünnt die gemeinsame Auswertung aller Teilnehmenden das Signal. Eine Studie kann dann insgesamt nichts finden, obwohl einzelne Betroffene sehr wohl wetterfühlig sind. Und der dritte Grund steckt in den Wiener Daten: Das Gefühl, das Wetter sei schuld, deckt sich nicht unbedingt mit dem, was ein Tagebuch zeigt. Genau deshalb lohnt es sich, die eigene Wetterfühligkeit nicht nur zu spüren, sondern aufzuschreiben.
Kopfschmerzkalender: So prüfen Sie Ihre eigene Wetterfühligkeit
Der DWD empfiehlt Wetterfühligen ausdrücklich, ein Wettertagebuch zu führen, um die individuelle Reaktion herauszufinden. Für Kopfschmerzen ist das ein Kopfschmerzkalender. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) beschreibt ihn als große Hilfe, in vielen Fällen sogar als notwendig, um eine Behandlung zu planen und ihren Verlauf zu beobachten. Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne betreffen nach Angaben der DMKG 10 bis 15 % der Bevölkerung in Deutschland. Die Gesellschaft bietet mit der DMKG-App einen kostenlosen, werbefreien elektronischen Kopfschmerzkalender an.
Die britische Leitlinie des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) nennt, was ein Kopfschmerzkalender mindestens acht Wochen lang festhalten sollte:
- Häufigkeit, Dauer und Stärke der Kopfschmerzen
- Begleitsymptome, etwa Übelkeit oder Licht- und Lärmempfindlichkeit
- alle verordneten und frei verkäuflichen Medikamente, die Sie gegen die Kopfschmerzen genommen haben
- mögliche Einflussfaktoren
- den Zusammenhang mit der Menstruation
Wenn Sie gezielt die Wetterfühligkeit prüfen möchten, helfen ein paar zusätzliche Regeln:
- Jeden Kopfschmerz eintragen, nicht nur die „Wetter-Kopfschmerzen“. Wer nur an Tagen mit Wetterumschwung schreibt, findet am Ende genau den Zusammenhang, den er erwartet hat.
- Den Beginn festhalten. Der Luftdruck ändert sich innerhalb von Stunden; „irgendwann am Dienstag“ reicht für einen Vergleich kaum.
- Vorher festlegen, was als starker Wetterumschwung gilt. Barometric Pressure Tracker verwendet zum Beispiel eine Änderung um 6 hPa oder mehr innerhalb von 6 Stunden. Mit einer festen Grenze vermeiden Sie, im Nachhinein jede kleine Schwankung als Erklärung heranzuziehen.
- Andere Einflüsse notieren. Veränderter Schlaf, Fasten, Alkohol, Stress, körperliche Anstrengung und hormonelle Schwankungen gelten in der Fachliteratur als mögliche Einflussfaktoren bei Migräne – und sie können zeitlich mit einem Wetterwechsel zusammenfallen.
- Mit einem Ausgangswert vergleichen. Wenn starke Druckänderungen an Ihrem Wohnort ein Drittel der Zeit betreffen, liegt auch ein Drittel Ihrer Kopfschmerzen rein zufällig in einer solchen Phase. Aussagekräftig ist erst ein deutlich höherer Anteil.
Weitere Hinweise zu den Feldern, die in der Arztpraxis am meisten nützen, finden Sie im englischen Ratgeber zum Kopfschmerztagebuch.
Vorsicht bei häufiger Einnahme von Schmerzmitteln
Wer bei jedem Wetterumschwung zur Tablette greift, sollte die Zahl der Einnahmetage im Blick behalten. Häufig eingenommene Kopfschmerzmittel können selbst zu mehr Kopfschmerzen führen. Die NICE-Leitlinie rät Ärztinnen und Ärzten, an einen Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch zu denken, wenn Kopfschmerzen entstanden sind oder sich verschlechtert haben, während jemand drei Monate oder länger
- Triptane, Opioide, Ergotamine oder Kombinations-Schmerzmittel an 10 oder mehr Tagen im Monat oder
- Paracetamol, Acetylsalicylsäure oder ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR, etwa Ibuprofen) – allein oder in beliebiger Kombination – an 15 oder mehr Tagen im Monat
eingenommen hat. Ein Kalender macht solche Einnahmemuster sichtbar. Besprechen Sie sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, statt die Dosis auf eigene Faust zu erhöhen.
Wann Sie ärztlichen Rat suchen sollten
Wer sehr stark unter dem Wetter leidet, sollte laut DWD auf jeden Fall mit der Hausärztin oder dem Hausarzt sprechen. Nicht jeder Kopfschmerz hat mit dem Wetter zu tun. Die NICE-Leitlinie nennt Merkmale, bei denen Kopfschmerzen ärztlich abgeklärt werden sollten, darunter:
- ein Kopfschmerz, der innerhalb von fünf Minuten seine volle Stärke erreicht
- Kopfschmerzen mit Fieber, die schlimmer werden
- neue neurologische Ausfälle, neue Denk- oder Gedächtnisstörungen, eine Veränderung der Persönlichkeit oder eine Eintrübung des Bewusstseins
- eine Kopfverletzung in den letzten etwa drei Monaten
- Kopfschmerzen, die beim Husten, Niesen, Pressen oder bei körperlicher Anstrengung einsetzen oder sich mit der Körperlage ändern
- eine deutliche Veränderung im Charakter Ihrer gewohnten Kopfschmerzen
Bei einem plötzlichen, heftigsten Kopfschmerz wählen Sie den Notruf 112.